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Seefunk -das Ende der einsamen Reisen
 

Artikel von Detlef Hechtel
aus
Deutsche Schiffahrt Nr. 2/99
Informationsschrift des Fördervereins Deutsches Schiffahrtsmuseum e.V.

ergänzt und redigiert für das Web von Harry C. Redner
die Fotos stammen aus der Sammlung von Detlef Hechtel

Als es dem deutschen Physiker Heinrich Hertz im Jahre 1888 gelang, elektromagnetische Wellen experimentell nachzuweisen, setzte bald eine technologische Entwicklung ein, die das Nachrichtenwesen in der Seeschiffahrt bis heute bestimmt. Mit Hilfe der sogenannten "Hertzschen Wellen" konnten ohne die Verwendung eines Kabels Signale mit dem bereits bekannten Morse-Alphabet übertragen werden. Heinrich Hertz glaubte kaum an eine praktische Verwendung seiner Erkenntnisse, gleichwohl begann, basierend auf seinen Entdeckungen, eine internationale Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der drahtlosen Telegrafie, wie sie bald genannt wurde. England, Deutschland und Rußland bildeten sich zu Zentren dieser Entwicklung aus. Erstmalig in der Geschichte der Seefahrt war es nun möglich, ein Schiff während seiner Reise aus der Isolierung auf See zu lösen und Kontakt mit anderen Schiffen und mit Land über weite Entfernungen herzustellen.

Marconi-Funkanlage in den 20er JahrenIm Jahr 1895 demonstrierte der russische Physiker Popow vor der russisch-akademischen Gesellschaft in St. Petersburg einen Funkenempfänger, ein Jahr später übermittelte er bereits über eine Entfernung von 250 Metern eines der ersten Funktelegramme. Nahezu zeitgleich überbrückte der Italiener Gugliemo Marconi den Bristol Kanal mit drahtloser Telegrafie, nachdem er von Bologna nach England gegangen war, um dort seine Arbeiten mit Unterstützung der britischen Postverwaltung fortzusetzen. In Deutschland entstand 1898 die erste "Gesellschaft für drahtlose Telegrafie", die 1903 zur Gründung der "Gesellschaft für drahtlose Telegrafie System Telefunken" führte. In dieser Firma sollten die Arbeiten der deutschen Physiker Slaby, Arco und Braun zu einem wirkungsvollen Instrument ausgebaut werden, um den Monopolbestrebungen der "Marconi-Gesellschaft" entgegenzuwirken. Es galt, ein Weltnachrichtenmonopol Englands zu verhindern; in der Folge davon entstand ein mit aller Härte geführier Konkurrenzkampf.
        Die wichtigsten Schiffahrtsnationen der damaligen Zeit erkannten recht schnell, daß mit der Funkentelegrafie nicht nur ein Medium für die kommerzielle Nachrichtenübertragung zur Verfügung stand, sondern daß damit auch die Schiffssicherheit erheblich verbessert werden konnte. Mit durch Funkentelegrafie eingeleitete Hilfeleistungen für in Seenot geratene Menschen zeigten bald, wie diese eingesetzt werden kann.

Den wirtschaftlichen Vorteil der drahtlosen Telegrafie machten sich insbesondere die Reedereien zunutze, die auf der umkämpften Transatlantikroute an enge Fahrpläne gebunden waren. So war es nur logisch, daß der Norddeutsche Lloyd (NDL) seinen Schnelldampfer KAISER WILHELM DER GROSSE im Jahre 1900 als erstes Handelsschiff mit einer Telegrafie-Funkanlage nach dem Marconi-System ausrüstete. Zur gleichen Zeit etwa errichtete Marconi auf dem Feuerschiff Borkum Riff" und dem Borkumer Leuchtturm erste "Küstenfunkstellen". In der Lloydhalle in Bremerhaven betrieb der NDL ebenfalls eine Marconi-Anlage und war somit in der Lage, die genaue Ankunftszeit seiner Schnelldampfer zu erfahren und die Hafenabfertigung erheblich zu beschleunigen. Marconi installierte an der englischen Küste unter Benutzung der Signalstellen der Versicherungsgesellschaft Lloyds seine Apparate und baute -später auch in Übersee -ein Netz von eigenen Küstenfunkstellen auf. In Deutschland begann man 1905 mit den Plänen zum Aufbau einer Großfunkstelle für die Schiffahrt im ostfriesischen Norddeich. Im Jahr 1906 fand in Berlin eine Weltfunkkonferenz statt, auf der 30 Nationen die Grundlagen für einen internationalen Funkverkehr von und mit Schiffen festlegten. So beispielsweise auch Regelungen über die Anforderungen an das Funkpersonal und deren Funkzeugnisse. Wichtigster Beschluß der Konferenz war jedoch die Einführung des internationalen Notzeichens1 "SOS", welches das bisher benutzte "CQD" der Marconi-Gesellschaft ablösen sollte. Am 1. Juni 1907 begann Norddeich Radio (Rufzeichen KND) mit dem Mitarbeiter von Norddeich-Radio auf dem Not- und AnrufplatzFunkbetrieb. Bereits wenig später konnte die Küstenfunkstelle mit zusätzlichen Diensten wie beispielsweise dem Zeitungsdienst, Wettermeldungen, Aussendung von Zeitsignalen und Nachrichten für Seefahrer (1910), der Teilnahme am Seenotdienst und Sprechfunkversuchen (1912) ihre Bedeutung für die Seeschiffahrt ausbauen und so die Akzeptanz des neuen Mediums bei den Reedern weiter erhöhen. Trotz der Fortschritte in der Entwicklung der drahtlosen Telegrafie und der ersten zögerlichen internationalen Vereinbarungen, blieb deren Einsatz an Bord weitgehend dem Reeder selbst überlassen. Das änderte sich mit dem Untergang der TITANIC 1912. Niemals zuvor in der Geschichte der Seefahrt hatte eine Schiffskatastrophe eine solche Welle von internationalen Bestimmungen, Verordnungen und Gesetzen ausgelöst, die die Sicherheit auf See endlich den technischen Gegebenheiten der immer größer und schneller werdenden Schiffe angleichen sollten. Der Verlust der TITANIC offenbarte einer staunenden Weltöffentlichkeit den Nutzen, aber auch die Mängel der auf See verwendeten Kommunikationsmittel. Noch unter dem Eindruck der Ereignisse im Nordatlantik, beschloß man auf einer kurz danach stattfindenden Weltfunkkonferenz - neben vielen anderen Regelungen - nun die Frequenz 500 kHz zur internationalen Notfrequenz zu benennen und deren ununterbrochene Beobachtung auf See und bei den Küstenfunkstellen gesetzlich vorzuschreiben. Feste Funkwachzeiten und die Besetzung mit Funkern und deren Befähigungszeugnisse wurden jetzt international geregelt. Der ausgebrochene Erste Weltkrieg verhinderte aber die Umsetzung der Verträge. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau der Handelsflotte, und neue Techniken im Seefunkdienst kamen zur Anwendung. Die Notfrequenz auf Mittelwelle (500 kHz) entwickelte sich zu einem der am dichtesten geknüpften Funksicherheitssysteme, die je geschaffen wurden. Überall auf der Welt entstanden Küstenfunkstellen, die Tag und Nacht die Notfrequenzen abhörten und somit über Grenzen und Weltanschauungen hinweg, ganz im Sinne seemännischer Tradition, im Dienste der Schiffssicherheit tätig waren.

1    SOS     º save our souls (rettet unsere Seelen)
      CQD   º come quick danger (kommt schnell Gefahr)
      Natürlich war der wahre Grund für die Verwendung des SOS nicht die obige Abkürzung, vielmehr ging es um die einfache Tastung (im Notfall auch von
      Nichtfunkern) sowie der Verwechselungsgefahr mit dem allgemeinen Anruf im Seefunk CQ (= an alle Stellen).


In den Jahren zwischen den Weltkriegen ging die technische Entwicklung mit hohem Tempo weiter. Röhrensender sorgten für eine erhebliche Verbesserung der Funkverbindungen, die Kurzwelle wurde für eine Anwendung in der Schiffahrt nutzbar gemacht, Bordfunkpeiler ermöglichten eine sicherere Navigation, und Funkgespräche von und nach See konnten nun vermittelt werden. Auf der Funkverwaltungskonferenz 1927 in Washington legte man als Notsignal für den Sprechfunk das Wort "Mayday" fest. Die Bordtelegrafisten erhielten Offiziersstatus und nannten sich von 1921 an Funkoffiziere (F. 0.).

Norddeich-Radio: Standortermittlung einer mittels Sichtfunkpeiler gepeilten Seefunkstelle auf einer Funkortungskarte, 1966.Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stand die internationale Handelsschiffahrt erneut vor einer lebensbedrohlichen Lage. Im Mai 1945 existierte so gut wie keine deutsche Seeschiffahrt mehr, was noch schwimmfähig war, unterlag der Kontrolle der Siegermächte und mußte abgeliefert werden. Der Seefunkdienst war schon während des Krieges fast vollständig zum Erliegen gekommen, jetzt gingen nahezu alle Funkanlagen und Küstenfunkstellen an Nord- und Ostsee verloren. Der Wiederaufbau des Seefunkdienstes in Deutschland setzte bereits 1946 mit der Inbetriebnahme des Peilfunknetzes "Nordsee" ein, zunächst mit den Peilstationen Norderney, Neuwerk, St. Peter Ording und Norddeich Radio als Leitstelle. Auftrag der britischen Militärregierung an die deutsche Postverwaltung war es, der Schiffahrt eine sichere Navigationshilfe durch die von Minen verseuchte Nordsee zur Verfügung zu stellen. Der kommerzielle Seefunk nahm 1948 seinen Betrieb wieder auf, wenn auch eingeschränkt.

Die internationale Schiffssicherheitskonferenz 1948 in London bestimmte u.a. die Funkausrüstungspflicht für Schiffe ab 500 BRT bis 1.599 BRT mit einer Sprechfunkanlage und ab 1.600 BRT mit einer Telegrafiefunkanlage und mit der Besetzung durch einen F. 0. Die während des Krieges gewonnenen Erkenntnisse in der Funktechnik hielten nun auch Einzug in die Handelsschiffahrt: Radaranlagen und Navigationsgeräte nach dem Hyperbelverfahren und der Goniometer-Peiler gehörten bald zur Standardausrüstung. Das Peilfunknetz Nordsee verlagerte dadurch zwangsläufig seine Aufgaben in den Seenotbereich und hat bis zu seiner Schließung am 31. 12. 1995 eine außerordentliche Bedeutung erlangt. Häufig stand es zu Beginn dramatischer Rettungsaktionen in der Nordsee; viele gerettete Seeleute verdanken ihr Leben der schnellen und genauen Positionsangaben der Peilfunkstellen rund um die Nordsee.

Eine entscheidende Verbesserung der Kommunikation mit Schiffen erreichte man durch die Einführung des UKW-Seefunkdienstes 1952. Dieser Sprechfunkdienst entwickelte sich bald weltweit zum wichtigsten Verfahren in Küstennähe und zwischen Schiffen. Das Leitmotiv des Seefunkdienstes bestand jedoch nach wie vor in der Sicherstellung der Funksicherheitswachen an Bord und an Land auf den Notfrequenzen 500 kHz, 2182 kHz (Grenzwelle) und Kanal 16 (UKW). Zahlreiche Seenotfälle auf allen Weltmeeren bewiesen die Leistungsfähigkeit dieses Systems. Trotzdem stiegen mit der fortschreitenden Technik (z. B. Einführung des Einseitenbandverfahrens, Wetterkartenschreiber, Funkfernschreiben) die Anforderungen und Erwartungen an ein internationales Seenotfunksystem. Der Untergang des frachtfahrenden Segelschulschiffes PAMIR 1957 zeigte deutliche Unzulänglichkeiten und Risiken des bestehenden Verfahrens, z. B. die schwierige Handhabung des Rettungsbootsenders in extremen Situationen.


Norddeich Radio im Jahre 1913

Der Verlust des deutschen Lashcarriers MÜNCHEN im Dezember 1978 hatte zur Folge, daß in der IMO (International Maritime Organisation) nun über ein völlig neues, auf der Satellitentechnik beruhendes Seenotsystem nachgedacht wurde. Das Ergebnis dieser Überlegungen war nach einer Übergangszeit die endgültige Einführung des GMDSS (Global Maritime Distress und Safety System) zum 1. 2. 1999, welches überwiegend auf dem Satellitenfunksystem INMARSAT beruht und weitgehend automatisch über sogenannte Küstenerdfunkstellen abgewickelt wird. INMARSAT ermöglicht nahezu jede Art der Telekommunikation ohne Qualitätsverluste an Bord durchzuführen. Die Morsetaste hat damit ausgedient. Die wesentlichste Veränderung gegenüber dem terrestrischen Verfahren besteht darin, daß die Notfrequenzen 500 kHz und 2182 kHz und die Besetzungspflicht mit einem Funkoffizier entfallen sowie die Funkausrüstungspflicht der Schiffe sich nicht mehr nach der Größe in BRT, sondern nach dem Fahrtgebiet richtet. Die Küstenfunkstellen geben nun nach und nach ihre auf terrestrischen Frequenzen abgewickelten Dienste auf, oder stellen gar ihren Betrieb gänzlich ein. Der verbleibende kommerzielle Seefunk auf UKW an der deutschen Küste wird vom Schiffsmeldedienst in Hamburg mit abgesetzten Stationen wahrgenommen. Am 31. Dezember 1998 beendete Norddeich Radio mit dem Rufzeichen DAN vollständig seinen Dienst. Die noch verbleibenden Aufgaben im Bereich des terrestrischen Seenotfunks werden von der DGzRS in Bremen wahrgenommen.
        Ob das GMDSS die weltweite Bedeutung, auch in den technologisch weniger entwickelten Ländern, wie das Seenotsystem auf 500 kHz erreichen wird, bleibt abzuwarten. Die Bewährungsprobe ist "Gott sei Dank" noch nicht eingefordert worden. Festzuhalten ist, daß mit Ende des terrestrischen Seefunkdienstes in Deutschland ein weiteres Kapitel Seefahrtsgeschichte geschlossen ist.
 
 

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